Slow Wine

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“Slow Wine” ist der Weinführer der Slow Food-Bewegung und eine Kampfansage an den Gambero Rosso und dessen Weinführer “Vini d’Italia”. Wer es noch nicht weiß: Der “Gambero Rosso” ist ein römisches Verlagshaus, welches die gleichnamige Food & Wine-Zeitschrift (ähnlich dem deutschen “Feinschmecker”) sowie Bücher zum Thema verlegt, darunter auch den besagten Weinführer.

Slow Food hingegen ist eine internationale “no frills”-Bewegung, die sich der “Verteidigung des Rechts auf Genuss” verschrieben hat. Bis in das Jahr 2010 hinein wurde der “Vini d’Italia”-Führer in trauter Zweisamkeit realisiert – klar, man hat ja dieselben Wurzeln. Der Gambero Rosso – dessen Name ist Programm – war nämlich in den 1970er Jahren eine regelmäßige Feinschmecker-Beilage der Tageszeitung “Il Manifesto”, das offizielle Mitteilungsblatt der “Partito Comunista Italiano”, damals eine große Volkspartei.

Slow Food hingegen nannte sich bis in die 1990er Jahre “Arci Gola”, “Arci” war eine Bezeichnung für meist kulturell orientierte Freizeitorganisationen der kommunistischen Partei. Während der turbulenten Zeit von Perestroika und Mauerfall stellten sich der Gambero Rosso wie auch Slow Food auf eigene Beine – und wie wir heute wissen, mit großem Erfolg. Die politische Ausrichtung blieb jedoch, wenn auch nur inoffiziell, und im Übrigen pflegte man sorgsam die guten Beziehungen, welche zwischen beiden Institutionen bestanden.

Die federführenden Redakteure sowie die regionalen Verkostungs-Jurys für den Gambero Rosso-Führer waren ebenso fast ausnahmslos Slow Food-Verfechter. Doch geht ja bekanntermaßen der Krug so lange zum Brunnen, bis er bricht: Es kam zum Eklat und schließlich zum Bruch. Slow Food entschied sich, einen eigenen Weinführer mit völlig neuem Konzept herauszubringen. Im Herbst 2010 war es dann soweit: “Slow Wine” erschien als Buch sowie als Applikation für das Apple-iPhone.

Ob sich das von den Slow Food-Oberen erdachte Konzept für den neuen Weinführer durchsetzen wird, bleibt fraglich. Denn das Benotungssystem mit 1 bis 3 Gläsern (respektive 70-79, 80-89 und über 90 Punkte in der Weinbewertungsskala) hat sich international doch sehr etabliert und prämierte Weinproduzenten werben kräftig mit ihren Auszeichnungen.

Ein schneller Blick in den Slow Wine-Führer

Das Grundprinzip ist das gleiche wie beim Gambero Rosso: Regionale Verkostungs-Teams bewerten die von den Winzern (ca. 2000 an der Zahl) eingereichten Weine und benoten sie nach dem 100 Punkte-Schema. Weine, die über 90 Punkte erreichen, werden an eine zentrale Prüfungskommission geschickt, welche dann die “Besten der Besten” herausfiltert. Weshalb auch mit bewährten Traditionen brechen, fragt man sich, sitzen doch genau die Leute in den Degustationen, welche im Jahr davor noch für den Gambero arbeiteten.

Das Bewertungsmodell von Slow Wine

Anstatt mit der Gläser/Punkte-Skala des Gambero Rosso übersetzt Slow Food die Ergebnisse der Verkostungen in Symbole:
– Vini Slow (Symbol “Schnecke”): offizielles Logo von Slow Food, hiermit werden die mit der Slow Food-Philosophie kongruenten Weine prämiert (aus autochthonen Traubensorten gewonnen, biologischer Anbau, kleine Winzerbetriebe, keine preislichen Spekulationen – das heißt faires Geld für eine faire Arbeit). Eigentlich ein gutes Prinzip!
–  Grandi Vini (Symbol “Flasche”): Vergleichbar mit den Kriterien, mit welchen der Gambero Rosso einen Wein mit 3 Gläsern prämiert. Bleibt die Frage, wo die Besten der Weine mit der Schnecke katalogisiert werden. Eine doppelte Nennung wäre wohl sinnvoll.
– Vini Quotidiani (Symbol “Münze”): Weine mit einem besonders guten Preis-Genuss-Verhältnis; sie dürfen im Regal nicht mehr als ca. 10 Euro kosten.

Slow Wine ist nun der fünfte auf italienische Weine spezialisierte, jährlich erscheinende Weinführer. International etablieren konnten sich nur “Veronelli” und, vor allem, der “Gambero Rosso”. Man munkelt, dass eine deutschsprachige Ausgabe von Slow Wine in Vorbereitung ist – die Zeit wird es zeigen.

Sicherlich steht bei den Slow Food-Weinexperten mehr das Engagement für die Sache als kommerzielle Ambitionen im Vordergrund. Und – dem Autor dieses Artikels sei eine persönliche Bemerkung gestattet: die Leute verstehen etwas von ihrem Metier und ich habe viele gute Freunde in deren Reihen. Nun bleibt nur zu hoffen, dass die Verkaufszahlen hoch genug sind, um die Zukunft des Projektes zu sichern. Wenn nur jedes fünfte der ca. 120.000 Slow Food-Mitglieder ein Exemplar erwerben würde – es wäre genug!

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